Leseprobe aus: Der Sohn des Hermes - Dornröschens Fluch

24.04.2017

Kapitel 1

Damion marschierte einmal mehr in seinem Schloss herum. Sein Blick schweifte über all die Wachen, die keinen Mucks machten, die sich nicht einmal bewegten. Er strich sich gedankenverloren durchs Haar. Als er Schritte hinter sich vernahm, drehte er sich um.

Bas kam zu ihm gelaufen. Bas. Hauptmann Forbes. Der Einzige - mit Ausnahme von ihm selbst -, der nicht in einen tiefen Schlaf gefallen war.

"Wie sieht's aus? Hast du jemanden gefunden, der ebenfalls wach ist?", erkundigte sich Damion, bevor er sich gegen eine Wand lehnte.

Bas schüttelte den Kopf. "Nein, habe ich nicht."

"Hätte ich auch nicht gedacht", gestand Damion seufzend.

"Was wird hier gespielt? Wieso sind wir die Einzigen, die nicht schlafen?"

"Was mich betrifft: Nun, ich bin ein Trickster. Ich bin also Magie. Und Magie ist bekanntlich gegen andere Magie immun. Und was dich betrifft: Da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht liegt es daran, dass du ein Dämon bist. Wer auch immer diese Magie gewirkt hat, hat wohl nicht mit einberechnet, dass mein neuer Hauptmann nicht auch ein Gott ist."

"Sehr beruhigend."

"Sowas in der Art." Er stiess sich wieder von der Wand ab. "Das ist allerdings nicht unser einziges Problem. Ich habe vorhin versucht, ein Portal heraufzubeschwören, um mich genauer im Roten Himmel umzusehen."

"Und?"

"Und es war, als liefe ich gegen eine Wand. Sobald ich versuche, ein Portal heraufzubeschwören, das in meine Welt geht, klappt es nicht. Zur Gegenprobe habe ich ein Portal in den Olymp gemacht. Das ging ohne Probleme. Offensichtlich ist nur meine Welt betroffen."

"Wieso brauchen wir überhaupt ein Portal im Roten Himmel?"

"Das... ist eine lange Geschichte."

"Die du mir nicht erzählen wirst." Es war halb Frage, halb Feststellung.

"Noch nicht", korrigierte Damion lächelnd.

"Verstehe." Bas ging auf die Fenster zu und warf einen Blick hinaus. "Was machen wir jetzt?"

Damion schwieg. Er hatte sich die Schlafenden bereits genauer angesehen, um herauszufinden, welche Art von Magie es war. Es war keine Hexenmagie, soviel war klar. Ezio und Stella, die beiden Bekannten von ihm, die Hexenblut in sich trugen, konnten ihm also nicht helfen. Seine Magie war es auch nicht, sonst hätte er die armen Kerle längst wieder aufgeweckt. Seiner Meinung nach blieb somit nur noch eine Art von Magie übrig. Und die würde dafür sorgen, dass er eine weite und nicht ganz ungefährliche Reise zu bestreiten hatte.

"Pack deine Sachen, Hauptmann", verkündete Damion und klopfte Bas auf die Schulter. "Wir haben eine weite Reise vor uns."

Bas unterliess es, weiter nachzubohren. Er hatte schnell bemerkt, dass es keinen Sinn hatte, Damion zu etwas zu drängen. Der Prinz rückte nur dann mit der Sprache raus, wenn er es für passend hielt. Niemals vorher.

Also nickte er nur und ging dann davon.

***

Tessa warf sich auf Lilas Bett. Ihre schwarzen Haare hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihr nun über die rechte Schulter fiel. "Hast du es schon gehört?", fragte sie ihre Freundin beiläufig, während sie ihre Fingernägel begutachtete.

"Was gehört?", hakte Lila nach. Sie stand vor dem Fenster und schaute Herakles dabei zu, wie er draussen mit einem Halbgott trainierte.

"Der Fluch." Tessas Blick huschte zu Lila. "Alles im Roten Himmel ist in einen Tiefschlaf verfallen. Erinnert ein wenig an Dornröschen, wenn du mich fragst."

Lila wandte sich zu ihr um. Natürlich hatte sie die Gerüchte vernommen. Es war schwer, etwas in dieser Art nicht zu vernehmen. Besonders, wenn man die Tochter des Zeus war. "Ach, das meinst du." Sie lächelte schwach. "Ja, davon habe ich gehört."

"Aha." Tessa versuchte, einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen, was Lila nicht entging.

Augenrollend fragte sie deshalb: "Was ist?"

Tessa zuckte unschuldig lächelnd mit den Schultern. "Willst du deinem Traummann nicht helfen, den Fluch zu brechen?"

Lila stöhnte leise. "Ach, sei doch still!"

Tessa erhob sich lachend und schlenderte mit eleganten Schritten auf ihre Freundin zu. "Vielleicht solltest du vorbeischauen. Damion Blackthorne würde sich bestimmt über deine Hilfe freuen." Sie tätschelte Lilas Arm, dann drehte sie sich um und verliess das Zimmer.

***

Bas blickte zweifelnd auf die Tasche, die Damion vor ihm abgestellt hatte. "Was ist das?"

"Eine Tasche." Damion streckte den Rücken durch.

"Wirklich?" Bas verdrehte unauffällig die Augen. "Was du nicht sagst."

Damion grinste. "Auf dumme Fragen bekommt man für gewöhnlich nur dumme Antworten", rechtfertigte er sich.

"Das war keine dumme Frage", brummte Bas beleidigt.

"Möglich."

"Wo willst du überhaupt hin?"

"Das erzähle ich dir, sobald wir dort sind."

"Damion." Bas' Stimme hatte einen warnenden Unterton angenommen. "In wie grosse Schwierigkeiten wird uns diese Reise bringen?"

Damion kaute gespielt nachdenklich auf seiner Unterlippe herum, bevor er sagte: "Ich denke, es wäre besser, dir das nicht zu verraten."

"Wäre ich doch nur bei Thanatos geblieben", seufzte Bas theatralisch.

"Dann würde dir aber der ganze Spass entgehen. Du weisst doch: Ein Leben mit Damion Blackthorne ist das pure Abenteuer."

"Sag mir das nochmal, wenn ich diese Reise unbeschadet überstanden habe."

"Einverstanden."

"Wann brechen wir auf?"

Damion warf einen Blick auf sein Handy. "Morgen."

"Wieso erst morgen?"

"Weil wir heute noch was zu erledigen haben."